| Sicherheitsmagazin Heft 4/2004
Warum kann man häufig feststellen, dass sinnlose Zerstörungen
vorwiegend von bestimmten Personengruppen verübt werden,
z.B. von Jugendlichen aus der sozialen Unterschicht, aber
auch von Personen aus so genannten „besseren Kreisen".
Warum zeigen nicht alle Menschen oder nicht alle Jugendliche
Vandalismus?
Betrachten wir dazu einmal die Umwelt und die Lebensbedingungen
vieler Jugendlicher. Sie leben in monotonen Wohnlandschaften,
in der Umgebung „ist nichts los". Ebenso monoton
ist der Arbeitsplatz oder es besteht oft Arbeitslosigkeit.
Viele haben eine mangelnde oder keine Zukunftsperspektive.
Je mehr diese und ähnliche Faktoren negativer Art im
Leben des Jugendlichen \ vorkommen, desto eher treten Gefühle
auf, die gemäß der These von Mehrabian gekennzeichnet
sind durch: Nichterregung (Langeweile), Unterordnung (Gefühl
der Machtlosigkeit, Gefühl nicht mehr „seines Glückes
Schmied" zu sein) und Unlust.
Solche Gefühlszustände sind unangenehm und unbefriedigend.
Wie kann man sie aber ändern? Zunächst könnten
natürlich Lebensumstände und bestimmte Situationen
geändert werden, z.B. in eine bessere, anregendere Wohngegend
ziehen, sich einen abwechslungsreicheren Arbeitsplatz suchen,
sich mit geistigen Dingen beschäftigen.
Den meisten Betroffenen aber stehen diese Möglichkeiten
nicht offen. Zur Lösung ihres Problems werden sehr oft
Bewältigungsformen gewählt, die sozial weniger akzeptabel
sind. Sie greifen zu Alkohol, dadurch werden Selbstwert- und
Lustgefühle verstärkt. Eine weitere Bewältigungsform
kann das Aufsuchen oder das Schaffen einer reizintensiven
Umwelt sein, in der „was los ist" - z.B. Discotheken
(laute, rhythmische Musik), Geschwindigkeitsrausch mit Auto
oder Motorrad, Bungee-Springen. Dies alles sind Tätigkeiten,
mit denen man sich einen „Kick" zu verschaffen
versucht. Durch die Identifikation mit einer mächtigen,
angesehenen, erfolgreichen Person oder Institution (Filmstar,
Fußballclub, politische Organisation oä) versucht
man etwas von deren Ansehen und Macht zu erlangen. Dadurch
verliert man auch das unangenehme Gefühl, einflusslos
und bedeutungslos zu sein. Erfolge des Vereins werden zu Erfolgen
der eigenen Person.
Es gibt aber noch einen Weg, um Machtlosigkeit und Schwäche
in Macht und Stärke zu verwandeln. Durch eigene Aggression
erzeugt man bei anderen Menschen Angst und gewinnt dadurch
an Ansehen. Durch diese Taktik wird z.B. von Skinheads ihr
Image der Gefährlichkeit geformt. Wer aggressiv handelt,
kann das Gefühl der Unterordnung und Hilflosigkeit in
das Gefühl der Dominanz, und das Gefühl der Unlust
in angenehme Gefühlszustände umwandeln, ob direkt
gegenüber anderen Menschen oder gegenüber Gegenständen,
wie beim Vandalismus.
Wichtig ist dabei die Feststellung, dass eine unberechenbare,
unvorhersagbare aggressive Handlung wirkungsvoller ist als
eine verständliche, voraussehbare Tat, z.B. aus Rache.
Eine derartige „wirkungsvolle" Gewalttat erregt
in der Öffentlichkeit viel mehr Aufsehen und dies wird
vom Täter befriedigender erlebt. Auch eine scheinbar
sinnlose Gewalttätigkeit besitzt also ein Motiv. „Durch
den Akt einer unvorhersehbaren Gewalt findet die Person einen
fast magischen Weg, um Macht und Prestige zu erlangen. Und
in einem einzigen Akt beweist sie sich ihre eigene Bedeutung
und Existenz und beeindruckt andere Menschen mit der Gewichtigkeit
ihrer Existenz." (Zimbardo, 1970) Worin besteht
aber die Befriedigung aus der sinnlosen Zerstörung von
Gegenständen? Entgegen der populären Behauptung
wird Aggression durch aggressives Handeln keineswegs abgebaut,
sondern sie wächst erheblich durch die Zahl und Intensität
der Aggressionen. Dies wurde von Psychologen in den 70er Jahren
unter dem Begriff „Entpersönlichung" untersucht.
Darunter versteht man, dass sich eine Person unter bestimmten
situativen Bedingungen von den Verhaltensweisen des Alltags
trennt und impulsives, enthemmtes Verhalten zeigt.
Sobald eine gehemmte Person einmal begonnen hat, aggressiv
zu handeln und sie merkt, dass sie dafür nicht bestraft
wird, wirkt dies als Bekräftigung, sie empfindet ein
Gefühl der Erleichterung und Freude. Sie fühlt auch,
dass sie nicht mehr wie sonst untergeordnet und machtlos ist.
Im Gegenteil, sie fühlt jetzt, dass sie die Situation
beherrscht. Auch dieses berauschende Gefühl der Macht
wirkt verstärkend. Diese angenehmen Gefühle verlangen
aber eine immer stärker werdende Dosis, die Aggression
wird intensiver und steigert sich bis zur Raserei.
Gewalt gegen Personen und Vandalismus gegen Eigentum ist
eine psychologische Reaktion, um ein negatives Lebensgefühl
in Erregung zu verwandeln und Lust daraus zu gewinnen, dass
man ein soziales Tabu verletzt. Die tiefer liegende Motivation
von einem Delikt wie Vandalismus ist also, eine Bestätigung
dafür zu erhalten, dass auch machtlose Personen, die
normalerweise von mächtigen Institutionen und Personen
kontrolliert werden, von Zeit zu Zeit aus ihrer Ohnmacht entfliehen,
rebellieren und ihre Umwelt - zumindest teilweise - kontrollieren
können.
Autor: Mag. Veronika Handler |